Auf der Wiese sitzende Frau
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„Welch neuer Ernährungstrend wird denn heut durchs Dorf getrieben?“ Das mag sich der, der sich tagtäglich mit Lebensmitteln beschäftigt, zuweilen fragen. Ein wenig Distanz wirkt da wohltuend – und auch ein Gespräch mit Prof. Dr. Hannelore Daniel. Seit bald 40 Jahren ist die Ernährungsphysiologin im Thema daheim. Lang genug, um tief in Verbrauchers Seele zu blicken.

Frau Prof. Daniel, Sie haben in den 1970ern Ernährungswissenschaften studiert. Wenn Sie auf die gesellschaftliche und mediale Diskussion um Lebensmittel schauen, was hat sich seither verändert?

„Viel! Manchmal komme ich mir vor wie bei der ‚Muppet Show‘. Da gab es doch die beiden Alten, die oben in der Loge saßen und sich das ganze verrückte Theater anschauten, das da vor ihren Augen ablief.“

Und was spielt sich vor Ihren Augen ab?

„Eine völlig überzogene Auseinandersetzung mit dem Thema Ernährung. Statt Orientierung erzeugt die nicht enden wollende Informationsflut Verunsicherung, Misstrauen und Hektik. Zudem bekommen Konsumenten eine Verantwortung auf die Schultern gelegt, die sie in der Mehrheit gar nicht stemmen können. Stellen Sie sich doch nur vor, in welch zerrissener Lage sich heute junge Eltern befinden müssen!“

Wie kommt es eigentlich, dass die Wellen in Ernährungsfragen so schnell hochschlagen?

„Wir können uns als freie Menschen fast allem entziehen, nicht aber der Nahrung. Wir müssen essen. Übrigens ein geradezu intimer Akt, kaum etwas kommt uns so nah.“

Und doch sollte man meinen, dass die einzelnen Mitglieder einer Wissensgesellschaft in der Lage sein sollten, verschiedene Informationen abzuwägen und sich daraufhin ein eigenes sachliches Bild zu schaffen.

„Es geht nicht um Wissen, auch nicht um Bildung. Die Menschen sehnen sich nach dem Jenseitigen.“

Was meinen Sie mit „Jenseitigem“?

„Es gibt in unserer Gesellschaft ein enormes, wenn auch häufig unbewusstes Bedürfnis nach dem Metaphysischen. Ich frage mich ernsthaft, wann wir den Sündenfall verorten müssen, also den Zeitpunkt, als sich unser grundlegendes Vertrauen in das Leben – und die Lebensmittel – in abgrundtiefes Misstrauen wandelte. Damit meine ich nicht nur das gegen Nahrungsmittel, ihre Erzeuger und Produzenten. Sie finden das Misstrauen in jedem Bereich, es bestimmt den Zeitgeist.“

Stellt sich da nicht auch die Schuldfrage?

„Neben einem zuweilen höchst fragwürdigen Journalismus gerät natürlich auch meine eigene Disziplin, die Wissenschaft, ins Visier. Sie besitzt gelegentlich marktschreierische Züge bei gleichzeitig unbedeutenden Studienergebnissen. Das schürt zusätzliches Misstrauen. Bis alles nach der Politik ruft, also nach noch mehr Regeln, deren Komplexität letztlich keiner mehr durchschaut. Wer, um Himmels willen, versteht denn noch die Hackfleischverordnung?“

Jetzt haben Sie die Kirchen vergessen. War es nicht die Religion, die zuständig für alles Metaphysische war?

„Im Zuge der Säkularisierung sind ihre Leitplanken verloren gegangen. So wie jeder Einzelne heute für seine persönliche Ernährung zuständig ist, so muss er auch seine persönliche Spiritualität mit sich verhandeln, seine eigenen Götterbilder finden.“

Manch einer bringt es dabei bis zum Ernährungsmissionar, nicht wahr?

„Natürlich, es gibt diese selbst ernannten Götter mit ihren Fans, aber letztlich sind es nur Einzelne. Für die meisten bedeutet das ständige Hinterfragen eine Überforderung. Das spüre ich sogar selbst. Da ist eine Lösung wie ‚Bio‘, die ich mir mal eben einkaufen kann, schlichtweg einfacher. Auch wenn, ganz nebenbei bemerkt, kein wissenschaftlicher Beleg dafür existiert, dass Bio-Lebensmittel gesünder sind. Aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass es der Konsument gerne glauben möchte.“

Womit wir wieder beim Glauben und dem Metaphysischen wären …

„Richtig. Als Wissenschaftlerin spreche ich von postfaktischen Zeiten, in denen nicht die Tatsachen das Denken und Handeln bestimmen, sondern die emotionalen Reflexe.“

Können Sie ein Beispiel nennen?

„Nehmen Sie die viel besprochene Fruktose und die damit verbundene Intoleranz, die einige Menschen besitzen. Es gab in unserer Evolution niemals die Notwendigkeit, dass Menschen große Mengen Fruktose vertragen mussten. Wenn es einige also nicht tun, dann ist das ganz normal, nicht krank. Was wiederum bedeutet, es gibt gar kein Thema, kein Problem. Stattdessen wäre doch das Spektakuläre, wie viele exotische Lebensmittel, die wir aus allen Winkeln der Erde herbeischaffen, unser Körper vertragen kann. Statt sich aber darüber zu freuen, problematisieren wir die drei Prozent Verbraucher, die eben auf einzelne Lebensmittel allergisch reagieren. Das macht doch keinen Sinn.“

Und jetzt? Wie kommen wir zu einem guten Ende?

„Meine ständige Rede ist: Leute, kommt mal runter. Nie zuvor hatten wie so frische, so zahlreiche und vielfältige Lebensmittel wie heute. Gesunde Ernährung war niemals so leicht. Esst abwechslungsreich und bunt, verzichtet auch mal auf Fleisch – mal, nicht immer. Und: Bewegt euch! Denn Fett in Nahrungsmitteln ist nicht das Problem, wir essen viel weniger davon als noch vor 50 Jahren, es ist die mangelnde Fettverbrennung.“

Und was ist mit dem Metaphysischen?

„Die Sehnsucht danach brennt im Menschen. Aber wenn wir in der Ernährung suchen, müssen wir enttäuscht werden. Unseren Lebenssinn kann sie uns schlichtweg nicht geben.“  


Die Ernährungswissenschaftlerin Prof. Dr. Hannelore Daniel leitet den Lehrstuhl für Ernährungsphysiologie an der Technischen Universität München.


Text: Kerstin Rubel. Publikation: Gewürz- und Kulinarikmagazin „pfeffer“ (02/2017). Herausgeber: Fachverband der Gewürzindustrie. Bildnachweis: Shutterstock (Lolostock)