Parfumentwicklung
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Für Alexandra Kalle gleicht ein Duft einem Accessoire: Wie ein leichter Schal legt er sich über ihre Schultern. Oder er strahlt als elegantes Schmuckstück zur Abendgarderobe. Alexandra Kalle ist Parfumeurin, eine der wenigen auf dieser Welt. Gewürze spielen in ihrer Profession eine entscheidende, lebendige und spannungsgeladene Rolle.  

In Ihrer Rohstoffpalette finden sich Gewürze wie Tonkabohne, Pfeffer, Vanille, Zimt, Kardamom, Safran, Muskatnuss, Ingwer, aber auch Kräuter wie Rosmarin, Koriander oder Basilikum. Wie wichtig sind diese Rohstoffe in Ihrer Arbeit?

„Sehr wichtig, Gewürze bringen eine vibrierende Komponente in einen Duft. Lebendigkeit, Spannung, spritzige Frische – das schätze ich an ihnen. Ich erlebe sie als ein dynamisches Element, mit dem ich gerne umgehe.“

Interessant. Gilt das auch für Ihre Koch- oder Essgewohnheiten?

„Stark gewürzte Speisen, wie sie die indische Küche bietet, werden mir schnell zu viel. Ich liebe eher die mediterrane Küche und ihr großes Bukett an Kräutern. Mit Gewürzen bin ich aber seit Kindesbeinen verbunden: Meine Schwester und ich haben früher liebend gerne im Gewürzlager meines Vaters gespielt, er war Unternehmer und lieferte allerlei Zubehör an Metzgereien. Ich muss direkt schmunzeln, wenn ich an damals denke. Am liebsten haben wir Kaufmannsladen gespielt und Gewürze abgepackt.“

Sie entwickelten unter der Marke „Acqua Colonia“ eine Duftlinie, in der Gewürze und Kräuter bereits den Namen prägen: etwa Lime und Nutmeg, Pink Pepper und Grapefruit, White Peach und Coriander. Wie kam es dazu?

„Wir hatten die Idee, zwei Ingredienzien in den Vordergrund zu stellen, die dem Kunden bereits geläufig, in der von uns gewählten Kombination allerdings eher ungewöhnlich sind. Also etwa Grapefruit und rosa Pfeffer, ein Rohstoff, den ich übrigens sehr mag. Die roten Beeren, die botanisch gesehen ja gar kein Pfeffer sind, besitzen einen lauten, einen lebendig-spritzigen und warmen Duft, er verfügt aber auch über florale oder zitrusartige Komponenten.“

Manch eine dieser Kombinationen wirkt auf den Laien gewagt, etwa Koriander und weißer Pfirsich. Wie sieht das die Duftentwicklerin?

„Koriander polarisiert und kann, zu hoch dosiert, schweißig riechen, da gilt es aufzupassen. Er besitzt aber auch eine frische, ganz leichte Würzigkeit, einen asiatischen Hauch, der gerade sehr angesagt ist. Der weiße Pfirsich dazu ist der pure Kontrast: wunderbar samtig und zart, feinfruchtig – ohne dabei laut und quietschig zu werden. Letztlich besticht eine gelungene Komposition aus gegensätzlichen Akkorden, dazu gehören florale, frische und holzig-würzige Nuancen, wie sie uns etwa die Gewürze bieten.“

Gewürzveredelnde Betriebe klagen aktuell über Schwierigkeiten in der Rohstoffbeschaffung, etwa bei Muskatnüssen oder Echter Vanille. Spüren Sie in der Welt der Düfte auch etwas davon?

„Ja, natürlich. Deshalb bin ich froh, dass wir neben natürlichen Rohstoffen auch mit naturidentischen oder synthetischen arbeiten. Als Duftentwicklerin lebe ich von der Kombination und von der dynamischen Spannung, die sich daraus ergibt. Ein Hauch Natur und dazu ein Körnchen Synthese.“ Der Verbraucher reagiert auf synthetische oder naturidentische Lebensmittel eher kritisch … „Das stimmt leider, es fehlt meist an Hintergrundwissen. Manche Rohstoffe sind selten, sie allein aus natürlichen Quellen erzeugen zu wollen, käme Ausbeutung gleich. Andere Naturstoffe – etwa der aus zarten Maiglöckchen-Blüten – lassen sich technisch gar nicht erst gewinnen.“

Wie groß ist die Palette der natürlichen und synthetischen Rohstoffe, mit der Sie arbeiten?

„Sie umfasst 2.500 bis 3.000 Rohstoffe, davon sind rund 25 Prozent natürlich – und nicht alle sind perfekt. Nehmen wir etwa den Rosmarin: Sein ätherisches Öl besitzt eine medizinisch anmutende Eukalyptus- Note, die wir lieber nicht in der Nase haben möchten. Im Labor lässt sich nun dieser Akzent herausnehmen, um dafür die wunderbar würzigen und krautigen Komponenten zu betonen, die Rosmarin eben auch bietet. Für mich als Duftentwicklerin ist so ein Prozess wahnsinnig spannend und eröffnet immer neue Möglichkeiten.“ 


Alexandra Kalle, die ihre Karriere im Marketing begann, entdeckte ihre Leidenschaft für Düfte eher zufällig: Bei einem Bewerbungsgespräch, das sie bei einem Dufthaus absolvierte, wartete auf sie auch ein Riechtest. Der fiel überraschend gut aus – und für das neu entdeckte Talent begann eine Ausbildung als Duftentwicklerin. Heute zählt Alexandra Kalle zu den rund 500 Parfumeuren, die es weltweit gibt. Sie arbeitet für das Familienunternehmen Mäurer & Wirtz, zu dem beispielsweise die Kölner Traditionsmarke 4711 gehört.


Text: Kerstin Rubel. Publikation: Gewürz- und Kulinarikmagazin „pfeffer“ (02/2019). Herausgeber: Fachverband der Gewürzindustrie. Bildnachweis: Shutterstock (Arturs Matuzals, Natasha Breen)