Hamburg
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In einer Hansestadt dreht sich alles um den Handel. Kein Beispiel verdeutlicht dies machtvoller – und schöner – als die Hamburger Speicherstadt. Vor gerade einmal 125 Jahren weihte Kaiser Wilhelm II. den weltgrößten zusammenhängenden Lagerhauskomplex ein. Ein bis heute beindruckendes Baudenkmal – und eine zolltechnische Konstruktion anno dazumal.

Die Speicherstadt entstand aus Sorgen: Die Hamburger Kaufleute sorgten sich um zollrechtliche Beschneidungen. Bis 1881 hatte sich die komplette Hansestadt erfolgreich gewehrt, dem deutschen Zollgebiet beizutreten. Nun aber machte Reichskanzler Bismarck zunehmend Druck. Es folgte, notgedrungen, ein Kompromiss: Hamburg trat bei, sicherte sich aber weiterhin ein Freihafenprivileg. Die Geburtsstunde der Speicherstadt. In ihren Grenzen durften auch weiterhin international gehandelte Waren zollfrei umgeschlagen und gelagert werden. Allein: Die bis dato in ganz Hamburg verteilten Lagerstätten mussten im neuen Freihafen zusammenfinden. In weniger als acht Jahren. Ein gewaltiges Unterfangen, denn schließlich trägt die Speicherstadt die „Stadt“ nicht umsonst im Namen: Ein beträchtliches Areal galt es in kürzester Zeit neu zu beplanen und aufzubauen.

Die durchsetzungsstarke „Hamburger Freihafen-Lagerhaus-Gesellschaft“, eine Aktiengesellschaft aus Norddeutscher Bank und Stadt, nahm das Heft in die Hand, investierte 106 Millionen Reichsmark. Ein Prestigeprojekt, auch für den noch jungen deutschen Kaiser. Ohne Gnade wich dem Reißbrett ein erheblicher Teil der Altstadt, in dem rund 20.000 Menschen wohnten. 1.000 Häuser verschwanden innerhalb von nur zwei Jahren; eine ganze Kleinstadt siedelte um. 

Die erste Aufnahme zeigt die einstige Altstadt, die, wie die beiden anderen Bilder verraten, einer beeindruckenden Baustelle weichen musste: Hier entstand die neue Speicherstadt.

Auf den beiden Elbinseln Kehrwieder und Wandrahm entstand nun eine neue Hafenindustrie, durchzogen von sechs Fleeten und verbunden mit 20 Brücken. Blockweise wuchsen Speicher um Speicher, in die die großen Handelshäuser ziehen sollten. In ihrer neugotischen Backsteinarchitektur prägte die „Hannoversche Schule“ das komplette Speicher- und Lagerhausensemble. Mit ihren Giebeln, Erkern und wilhelminisch verspielten Türmchen verlieh sie den pragmatischen Zweck- und Gewerbebauten eine einzigartige Aura. 1888 war es dann so weit: Der erste Bauabschnitt war fertiggestellt. Mit ordentlich Pomp und Brimborium weihte Wilhelm II. die Speicherstadt ein. Die Kinder, denen schulfrei gegeben wurde, schwenkten Fähnchen, was ihre Arme nur hergaben.

Dann, nach all dem Jubel, senkte sich ein dichter Vorhang über das neue Lagerhausviertel: die Zollgrenze. Hinter Absperrungen, Zäunen und Mauern verbarg sich ein ganzer Stadtteil vor seiner Stadt. Kein Mann und keine Maus kamen ungesehen an den Zöllnern vorbei. Arbeiter, in deren Taschen sich unverzollte Waren fanden, hatten mit harten Strafen zu rechnen. Hinter diesem Vorhang lag nun das Reich der Quartiersleute. Sie lagerten Kaffee, Tee, Kakao, Tabak, aber auch Kautschuk und andere exklusive Importwaren. Und natürlich: Gewürze. Bis heute zählt Hamburg – nach Singapur und New York – zu den größten Gewürzimporthafen der Welt. Der Fernhandel mit den Kolonien florierte; in der Speicherstadt gab es viel zu tun. Mit an den Hausgiebeln montierten Seilwinden hievten Arbeiter das schwere Stückgut auf einen der fünf Böden, aus denen typischerweise ein Lagerhaus besteht. Da sich die Quartiersleute auf einzelne Importe spezialisierten, verfügten sie über profunde Sachkenntnis: So lagerten sie nicht nur ein, sie begutachteten auch. Mit spitzen Probenstechern fuhren sie tief in einzelne Säcke hinein, um ihren Inhalt zu bemustern. Auch verkosteten, veredelten und verpackten sie die Ware.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein wuchs die Speicherstadt. Doch langsam und schleichend läuteten Containerumschlag und Lagerautomatisierung ihr Ende ein. Immer mehr Kaufleute wanderten ab. Und so kam der Tag, an dem das so verschlossene Freihafen-Areal aus seinem Dornröschenschlaf erwachte. Wachgeküsst von der Städtetouristik. Seit 2004 liegt das komplette Backstein- Ensemble außerhalb der Zollgrenzen und ist für jedermann zu besuchen. Und jedermann macht seither reichlich Gebrauch davon: Zwischen Sandtorkai und Holländischem Brock lässt sich bestens flanieren und ein wenig hineinschnuppern in Kaisers Zeiten, als noch Consorten und Quartiersleute Fleete und Speicher bespielten. Zahllose Besucher bestaunen Jahr für Jahr das einzigartige Baudenkmal, das sie hinterließen.  

Text: Kerstin Rubel. Publikation: Gewürz- und Kulinarikmagazin „pfeffer“ (01/2014). Herausgeber: Fachverband der Gewürzindustrie. Bildnachweis: Jubiläumsbuch „125 Jahre Speicherstadt“ (ELBE&FLUT Edition, Junius Verlag)