Arbeiten im Grünen
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Es ist schon ein außergewöhnliches Projekt, das derzeit an der Köpenicker Straße Gestalt annimmt. Bis Ende 2020 saniert Michels Architekturbüro zwei denkmalgeschützte Gebäude und kombiniert sie mit einem siebengeschossigen Neubau inklusive Fahrrad-Tiefgarage. Auf 11.650 qm Bruttogeschossfläche entstehen lebenswerte, gleichsam energieeffiziente Büroflächen, die für eine grün-urbane Arbeitswelt von morgen gemacht sind. Wie dies aussieht? Davon berichtet das „reparierte“ Post- und Telegraphenbauamt in Berlin-Mitte.

Bereits das neu errichtete Vorderhaus, die Köpenicker Straße 122, macht das Thema greifbar: Sein Erdgeschoss integriert eine sanierte Ziegelmauer, ein denkmalgeschütztes Fragment des einstigen Postamts, die als Ruine die Zeiten überdauerte. Schützend stülpt sich die schlichte Betonfassade über die Mauer, orientiert sich mit seinen Fensterachsen am Gegebenen. Auf zeitgemäße Art und Weise bleibt so der Bestand gewahrt. Die Baulücke wird geschlossen, eine stimmige Trauflinie mit den Nachbargebäuden gefunden, der Straßenraum mit neuer Gastronomie belebt – und die Stadt repariert. Das allein genügte Michels Architekturbüro jedoch nicht. Die Architekten ließen sich von der Ruine, die sie vorfanden, inspirieren. Erinnerte sie doch an die baumbestandenen, von üppigem Grün berankten Ruinen, wie sie in den Landschaftsparks des 18. Jahrhunderts eigens errichtet wurden. Ihre romantische Botschaft, dass sich die Natur ein Gebäude per se zurückerobern dürfe, gefiel den Architekten. So entwickelten sie aus der Ruine eine zeitgemäße Idee für das gesamte Objekt, eine Idee für wirklich „neue Arbeitsräume“. Denn wie, diese Frage muss gestellt sein, wollen urbane Menschen eigentlich arbeiten. Wie leben? Welche Umfelder wirken anziehend, welche vitalisierend? Und: Wo ist eigentlich die Natur geblieben?

Ein lebendiges Zusammenspiel von schlichten Innen- und grün bepflanzten Außenräumen prägt den gesamten Neubau an der Köpenicker Straße. Von Anbeginn an integriert er die Natur, die das Urbane umschließt und ergänzt. Dabei helfen „grüne Gabionen“, die der Landschaftsarchitekt Marc Pouzol, atelier le balto, über die gesamte Fassade verteilte. Ihr Inneres füllt kein einziger Stein, sondern ein nahrhaftes Substrat, das üppig Pioniergehölze gedeihen lässt. Sie wachsen zu fünf Seiten über das Stahlgeflecht hinaus auf Betonfassade und Balkone, von denen jedes Büro einen eigenen besitzt. Fensteranlagen, die in Boden und Decke verschwinden, halten die Schwelle zum Außenraum so gering wie technisch möglich. Die Sichtbeziehungen bleiben offen, grüne Außenraumbezüge sind allgegenwärtig. Zudem dienen die Gabionen als thermischer Puffer und unterstützen, im wahrsten Sinne, ein harmonisches Betriebsklima. Wer den Neubau mit seiner grünen Fassade hinter sich lässt und in die Gärten der Innenhöfe tritt, trifft auf die zwei denkmalgeschützten Gebäude des einstigen Telegraphenbauamts, die behutsam saniert werden: Freigelegte Ziegelkappendecken und aufgearbeitete Kastenfenster, wiederhergestellte Pfeiler und Brüstungen, historische Fenstergitter und Treppengeländer lassen dem Denkmal seine eigene Geschichte, zeigen Schicksalspuren. So auch in den umgebauten Büroräumen: Ihre neu fixierten Wände behalten den gewachsenen „used look“, den schattig gewordenen Putz, die offenen Ziegel, das Unperfekte. Kombiniert mit neuen, komfortablen Böden und frisch gestrichenen Decken erstrahlt die alte Substanz und verleiht jeder einzelnen Etage ihren eigenwilligen, authentischen Stil. Es ist eine nachhaltige Schönheit, die hier aus Alt und Neu erwächst.

Zum nachhaltigen Sanierungs- und Nutzungskonzept, das eine Zertifizierung nach DGNB Gold anstrebt, gehören auch eine umweltschonende Energieversorgung über Photovoltaik und Geothermie. Letztere basiert auf 40 Bohrungen im Innenhof, die nach einem umfangreichen Genehmigungsprozess bis zu 99 Meter in die Tiefe führen. Die so erreichte Erdwärme temperiert im Winter, die Erdkühle im Sommer. Alles klimaneutral. Alles in einem integrierten System aus Flächenheizung und -kühlung, die ungesehen in den Böden und Decken von Neu- und Bestandsbauten verschwindet. Auch die Mobilität gehört zu den Themen, die an der Köpenicker Straße dezent verschwinden: Die große Tiefgarage schluckt den einfahrenden Auto- und vor allem Fahrradverkehr. Einem Campus gleich verbindet sie die drei Gebäude, bildet ihr unterirdisches Entree. Zugunsten von 350, zum Teil abschließbaren Fahrradstellplätzen spart die Garage an Pkw-Parkraum. Die zentrale Lage, die kurzen innerstädtischen Wege erlauben die klimafreundliche Lösung. 15 Ladestationen für Elektroautos – neben denen für E-Bikes – ergänzen das alternative Mobilitätskonzept.

Befreit von öden Parkplätzen und sperrigen Radständern können die drei Innenhöfe aufatmen. Es entsteht Raum für Neues, für Grünes – für ein ökologisches Freiraumkonzept. Die Stadtnatur darf auch hier lebendigen Einzug halten. In der Pflanzenvielfalt, die unter Artenschutz-Gesichtspunkten mit dem zuständigen Natur- und Umweltschutzamt entstand, finden sich insbesondere insekten- und vogelfreundliche Arten, etwa der Bienenbaum „Terrarium daniellii“ oder der Schmetterlingsstrauch „Buddleja davidii“. Analog ihres Blüh- und Farbzyklus prägt die Gärten eine feine Komposition aus kleinwüchsigen Bäumen und Beerensträuchern, lichten Gräsern und Stauden, Bodendeckern und Kletterpflanzen. Ein organisch anmutendes Wegenetz spannt sich durch all das Grün, fügt die drei Höfe zusammen, verbindet alte und neue Bausubstanz. Wilder Wein, auch ein Insektenfreund, rankt an rot getünchten Wänden empor und lässt sein flammendes Herbstlaub aufleuchten. Ein Fest für die Augen – und für den Artenschutz. Überhaupt sind es die kostbaren Ausblicke in die Natur, die einen noch so modernen Bürobau, gelegen in Berlin-Mitte, einzigartig machen. Dies gilt für Arbeitnehmer, die Nutznießer, aber auch für Arbeitgeber, die immer stärker um qualifizierte Fachkräfte ringen müssen. Ein attraktiver, lebenswerter Standort spielt ihnen – und der Vermietung – in die Hände. So erweitern die grünen Außenräume ganz bewusst die Gewerbeflächen, bilden zusätzlichen urbanen „Lebensraum“: Besprechungstische und schlichte Holzbänke verteilen sich über die Freianlagen, dazu Sitzstufen, Beton-Podeste und eine berankte Pergola mit Hängematte.

Text: Kerstin Rubel. Publikation: Projektbuch #18 (2018). Herausgeber: Michels Architekturbüro. Bildnachweis: Shutterstock (rawpixel.com)